Die Verfilmung von Henri Diamant-Berger (1921)

Henri Diamant-Berger
Henri Diamant-Berger

Es war einmal … viele Märchen beginnen damit, aber die Geschichte dieses Films ist zum Glück kein Märchen, auch wenn sie stellenweise so klingt. Es war einmal ein fünfundzwanzigjähriger Regisseur namens Henri Diamant-Berger, der sich im Sommer 1920 entschloss, einen Film über den ersten Roman der berühmten Trilogie zu drehen. Diamant-Berger schwebte dabei nichts anderes vor, als den gesamten Roman auf die Leinwand zu bringen, denn er kenne ihn auswendig, habe ihn immer wieder gelesen und alle Personen sehr gemocht, so sagte er. Als realistischer Regisseur sah er gleich eine Vorführdauer von 15 Stunden vor, was eine Unterteilung in Episoden unumgänglich machte.

Zuerst wollte er Douglas Fairbanks als Darsteller gewinnen, denn dieser war gerade auf Werbetournee in Frankreich, aber die beiden Männer verstanden sich nicht wirklich und aus der Zusammenarbeit wurde nichts. Fairbanks gefiel die Idee des Filmes in Episoden nicht besonders und außerdem wollte er sich nicht getreu an die Romanvorgabe halten. So sollte seiner Meinung nach Mme Bonacieux die Nichte und nicht die Frau Bonacieux´ sein, d´Artagnan nichts mit Mylady anfangen, da sonst das prüde amerikanische Publikum schockiert sein könnte - diese zweifelhaften Moralvorgaben haben sich ja seitdem recht gut gehalten. Er schlug Diamant-Berger vor, nach Amerika zu kommen und den Film dort mit ihm zu drehen, worauf dieser antwortete, dass ein echter Film über die drei Musketiere nur auf französischem Boden gedreht werden könne – der Mann hat Recht!

Bau der Kulissen
Bau der Kulissen

Doch nicht nur Fairbanks hatte Zweifel, auch die Produktionsfirma Pathé-Consortium zeigte sich nicht gerade enthusiastisch und behauptete, das Publikum möge keine Historienfilme, die Männer mit den Schnurrbärten sähen doch alle gleich aus und die Idee der Episoden von jeweils einer Stunde sei gänzlich verrückt, das habe noch nie jemand gemacht - worauf Diamant-Berger in seinen Memoiren anmerkte, dass aber niemand das Publikum gefragt habe. Er war eigensinnig und dickköpfig, ließ nicht locker und überzeugte schlussendlich doch einige führende Köpfe von Pathé-Consortium von seiner Idee. So sehr sogar, dass sie ihm die großartige Summe von 2,5 Millionen Francs zugestanden, womit er 12 Episoden von je einer Stunde drehen konnte. Der fertige Film wurde übrigens 14 400 Meter lang, damals der längste Film, der je gedreht wurde.

Nun begann aber erst die eigentliche Arbeit – und die war enorm! Zu Beginn kümmerte er sich um die Kulissen und die Kostüme, wobei er bedenken musste, dass der Film ja in Schwarz-Weiß gedreht wurde.

Das Kostüm Richelieus, das im Film einen satten, rot erscheinenden Grauton bekommen musste, war in Wirklichkeit kanariengelb!

Pérouges 1921
Pérouges 1921

Er lieh sich Möbel aus der Zeit des 17.Jh. und kaufte reformierte Pferde der Armee, stellte Lucien Goudin, einen olympischen Fechtchampion, für die Duellszenen ein und fuhr dann durch Frankreich, um die Drehorte des Films auszuwählen. Denn er wollte soviel es ging im Freien filmen: Das fast verlassene Dorf Pérouges bei Lyon, das Schloss von Caussade bei Périgueux (d´Artagnans Stammschloss), Chenonceau (aus dem Turm entflieht Mylady und der Innenhof diente als Herberge von Crève-Coeur), der Park von Azay-le-Rideau (Eingang des Klosters von Béthune), die Kirche von Montbazon (die Heirat von Athos und Mylady), der Vorplatz der Kathedrale von Chartres (Duell der Carmes Deschaux) und der bretonische Hafen du Croisic (Hafen von Boulogne und Dover) waren nur einige der ausgewählten Plätze. Und auf einem freien, brachliegenden Feld bei Vincennes ließ er die Kulissen für die Schlacht von La Rochelle aufbauen.

Doch alle Sorgfalt bei den Kulissen und Kostümen wäre umsonst, wenn die Akteure nicht überzeugten. Aber – Überraschung – Henri Diamant-Berger wählte für die wichtige Rolle des d´Artagnan keinen Schauspieler der Comédie- Française, sondern einen Operettensänger des Casino von Paris! Aimé Simon-Girard war schon 42 Jahre alt, aber Diamant-Berger wusste, dass er sehr sportlich war und fand ihn ´plein d´allure´, was mit ´zu der Rolle passend´ nur unzureichend übersetzt wäre. Und … er hatte Recht. Auf dem Dreh stellte sich Aimé Simon-Girard als exzellenter Reiter heraus, der sich auch bei den Stunts nicht doppeln ließ.

Bei den anderen Hauptrollen griff er aber auf bewährte Akteure u.a. der Comédie-Française zurück, zum Beispiel auf Henri Rollan, der später Jean-Paul Belmondo am Conservatoire unterrichten sollte. Henri Rollan stellte Athos dar und selten stimmten Aussehen, Spiel und Bewegung dieser - leider bis heute meistens so unpassend besetzten - Rolle so mit dem Vorbild, dem Athos des Romans, überein.

Auch Aramis (Pierre de Guingand) und Porthos (Charles Martinelli) wurden überzeugend besetzt.

Detail am Rande aber bezeichnend, nur in diesem Film wird die Manie Aramis‘, die Hände hoch zu halten, damit ihre Adern nicht schwellen, und sich die Ohrläppchen zu zwicken, damit sie immer schön rosig bleiben, gezeigt.

Dreharbeiten
Dreharbeiten

Gegen Weihnachten 1920 war es dann soweit, Diamant-Berger stellte seine Kamera in die Landschaft des Périgord und fing an die Kurbel zu drehen. Im Großen und Ganzen schien alles recht gut zu klappen, nur hinter den Kulissen knisterte es: So waren sich der Darsteller von Kardinal Richelieu, Edouard de Max, und die Schauspielerin von Mylady, Claude Mérelle, spinnefeind, weil der Geliebte der einen der Freund des anderen geworden war. Da sich die beiden wirklich nicht mehr vertrugen, arrangierte Diamant-Berger einen Kompromiss: Richelieu spricht in der Szene, in der er Mylady die Anweisung gibt, die Diamantspangen zu entwenden, zu Père Joseph und dieser gibt die Anweisung an Mylady weiter.

Reitszene
Reitszene

Aber nicht nur die Akteure, die Kulissen und die Kostüme waren dem Regisseur wichtig, auch die Handlung sollte mitreißen, weswegen er viele Reitszenen und bewegte Außenaufnahmen einbaute, was dem Film eine für die Zeit ungewöhnliche und bis heute mitreißende Dynamik verleiht.

Werbung in der Zeitung
Werbung in der Zeitung

Doch Diamant-Berger und das Pathé-Consortium mussten erst einmal das damalige Publikum von den Qualitäten des Filmes überzeugen. Sie investierten noch einmal 50000 zusätzliche Francs in die Werbung, außerdem organisierten sie eine glanzvolle Erstaufführung im Saal des Trocadéro (an drei verschiedenen Abenden), zu dem die Crème de la Crème von Paris eingeladen war - und auch kam. Der Profit der Aufführung ging an die Kriegsverletzten des ersten Weltkrieges, der gerade einmal seit zwei Jahren vorbei war! Dementsprechend befanden sich im Publikum der Erstaufführung vor allem militärische und politische Größen, unter anderem Maréchal Foch und André Maginot – ja, eben der. Der Film wurde von einem Orchester von hundert Musikern begleitet und wurde tatsächlich ein Erfolg  und nicht nur anlässlich der Erstaufführung. Mehr als ein Erfolg, ein internationaler Triumph, nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland und in England warteten die Menschen begierig auf die Fortsetzungen, denn der Film wurde in Episoden gezeigt. Übrigens erfand Diamant-Berger mehr oder weniger im Vorübergehen den ersten Trailer der Geschichte, denn Pathé-Consortium kam bei den vielen bestellten Filmen für die verschiedenen Kinos nicht hinterher und so schnitt man aus herausgeschnittenen Szenen einen Kurzfilm zurecht, um das erwartungsvolle Publikum auf die Woche drauf zu vertrösten und noch neugieriger zu machen.

Rochefort in der Herberge
Rochefort

Das Publikum war, trotz der Verspätung, begeistert und es hatte Recht, denn dieser Film ist wirklich ein Meilenstein der Filmgeschichte. So drehte Diamant-Berger viele Szenen in der Dunkelheit mit sehr wenig Beleuchtung, nur die Konturen des Gesichts sind sichtbar (z.B. Rochefort in der Herberge), was mit den technischen Mittel damals nicht einfach gewesen sein kann, aber eine unglaubliche Wirkung erzielt. Außerdem achtete er auch bei Kleinigkeiten auf jedes Detail, z.B. auf die damals gebräuchliche zweizinkige Gabel, die die Musketiere bei ihrem Festessen bei Athos benutzen. Er folgte den Vorgaben des Romans Schritt für Schritt und baute auch das ein, was nur erzählt wird, Athos´ Heirat zum Beispiel oder den Überfall der Kardinalsgardisten. Deswegen entspricht dieser Film in einzigartiger Weise dem dumas´schen Vorbild und ist meiner Meinung nach der einzige, der den Titel ´die drei Musketiere´ zu Recht trägt.

Charles I auf dem Schafott
Charles I auf dem Schafott (Vingt Ans Après)

Aber wie ging es mit unserem Märchen, das keins war, weiter? Fast zeitgleich erschien eine andere Adaptation, eben jene mit Douglas Fairbanks, weit weniger romangetreu, ein Film für einen Schauspieler, für einen Star, der sich selbst spielen wollte– Diamant-Berger meinte, die Musketiere, Planchet und die anderen Diener hätten nichts zu tun und sie täten es nicht gut- doch auch dieser Film fand Anklang. Nur nicht in Europa, wo das Pathé-Consortium das Erscheinen dieses Filmes zunächst verhinderte und erst später gegen die Bezahlung einer gewissen Summe erlaubte. Warum auch nicht, der Film Diamant-Bergers hatte lange bewiesen, dass er weit besser war, als die amerikanische Adaptation – was übrigens Douglas Fairbanks selbst zugab, als er den Film Diamant-Bergers in Paris zu sehen bekam.

Athos unter dem Schafott
Athos unter dem Schafott (Vingt Ans Après)

Die Produzenten, die ihre Investition lange wieder hereinbekommen hatten, wollten mehr – sie drängten den jungen Regisseur, die Folgebände zu verfilmen. Was dieser auch versprach, mit demselben Budget und mit demselben Respekt vor dem Roman. Er legte gleich die Zeit für die Aufnahmen für ´Zwanzig Jahre Nachher´ fest (1922) und kaufte wieder Pferde und Wagen ein, oft bei Bestattungsunternehmen, die mehr und mehr auf das Automobil umstiegen.

Die Schauspieler blieben weitestgehend die gleichen, nur Aimé Simon-Girard hatte schon bei einer anderen Produktion zugesagt und wurde durch einen Schauspieler der Comédie-Française ersetzt.

Der Comte de la Fère
Athos - Comte de la Fère (Vingt Ans Après)

Diamant-Berger durchwanderte wieder Frankreich auf der Suche nach geeigneten Drehorten und wurde unter anderem in der Bretagne fündig, wo er die Frondeszenen mit 300 Statisten aus Douarnenez drehte. Insgesamt spielten bei diesem Film 3000 Statisten mit, was für die damalige Zeit unglaublich war – und wohl auch heute noch ziemlich ungewöhnlich wäre, nehme ich an. Sie bekamen übrigens neun Francs für zwanzig Stunden Drehzeit. Das war auch damals kein hoher Lohn. Auch dieser Film wurde ein Erfolg und Diamant-Berger machte sich gleich an den letzten Band der Trilogie, den ´Vicomte de Bragelonne´. Er verpflichtete dieselbe Truppe wie für die Musketiere und setzte den Dreh auf 1923 an.

So wären das erste und bis jetzt einzige Mal alle drei Teile buchgetreu und grandios verfilmt worden … leider sah das Schicksal etwas anderes vor. Die Firma Pathé-Consortium war trotz des Erfolges der Musketiere keine gesunde Firma, Fehlinvestitionen, wirtschaftliche Fehlentscheidungen, wie auch immer, sie hatte kein Geld mehr. Und strich von der Liste, was ihr sicher Geld eingebracht hätte, nämlich die Produktion des ´Vicomte de Bragelonne´. Diese Fehlentscheidung kleiner grauer Herren mit Brillen und dunklen Anzügen hat die Welt um ein einzigartiges Meisterwerk gebracht …

Vorderansicht der DVD
DVD ´Les trois mousquetaires`

Die beiden Filme selbst verschwanden in den Kriegswirren des zweiten Weltkrieges. Die Nazis verbrannten die Filmrollen aller jüdischen Regisseure, darunter auch die Filme Diamant-Bergers, so dass man lange glaubte, sie seien auf immer verloren. Nur einige halb zerstörte Kopien zirkulierten in den Cinematheken, bis schließlich in den neunziger Jahren der Neffe des Regisseurs, Jérôme Diamant-Berger, eine englische Version entdeckte, die der Zerstörung entgangen war. Er restaurierte in fünfjähriger Kleinarbeit den Film und unterlegte ihn mit Untertiteln, einem Kommentar und Orchestermusik. Diese neue Version wurde in Paris im Kino gezeigt und erschien zum Glück auch auf DVD!

Der Film ´Zwanzig Jahre Nachher´ scheint im Centre National de Cinématographie noch erhalten zu sein und J.Diamant-Berger hat die Absicht, auch ihn zu restaurieren, so dass wir tatsächlich hoffen können, diesen Film, von dem Henri Diamant-Berger sagte, er sei noch besser als die drei Musketiere, eines Tages sehen zu können. Ob sich heute noch einmal ein Regisseur an die ganze Trilogie wagt? Die Herausforderung scheint zu groß zu sein, die Adaptationen der letzten Jahre (Aknine, Anderson) überbieten sich eher darin, vom Buch abzuweichen.

Die Musketiere 1932
Die Musketiere 1932

P.S. Übrigens drehte Henri Diamant-Berger 1932 noch einmal eine Version der Musketiere, mit derselben Truppe, diesmal mit Ton und nicht ganz so lang, also nicht ganz so buchgetreu, aber dennoch sehr empfehlenswert. Es gibt davon einige Kopien auf VHS-Kassette, wer sie im Netz findet, sollte zugreifen.

(Quellen: ´L´épreuve de la Fidélité´ dans ´Les 3 Mousquetaires´, Philippe Durant, Ciné Légendes N°5, Octobre 2000 und `Le Cinéma de Grand-Père´, Mémoires de Henri Diamant-Berger, mis à disposition par Jérôme Diamant-Berger.)

Ein großes DANKESCHÖN an Jérôme Diamant-Berger für die Zusendung der Memoiren seines Großvaters, auf denen dieser Artikel zu großen Teilen beruht!

Bilder: Schnappschüsse aus der DVD ´Les trois mousquetaires` von H. Diamant-Berger.

Hier geht es zu einer weiteren Bildergalerie mit Schnappschüssen und Szenefotos aus dem Film von 1922.

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